Allgemein

Was machen wir aus Texten wie 1. Mose 22?

29. August 2021

Der Atheist und Religionskritiker Richard Dawkins macht in seinem Buch “Der Gotteswahn” folgende Aussage über die Prüfung Abrahams in 1. Mose 22:

“Gott befahl Abraham, seinen lang ersehnten Sohn als Brandopfer darzubringen. Abraham baute einen Altar, legte Feuerholz darauf und band Isaak oben auf das Holz. Er hatte sein Mordmesser schon in der Hand, als ein Engel mit der Nachricht einer kurzfristigen Planänderung dramatisch dazwischenkam: Gott habe doch nur einen Scherz gemacht, Abraham “in Versuchung geführt” und seinen Glauben geprüft. . . . Diese schändliche Geschichte ist gleichzeitig ein Beispiel für Kindesmissbrauch, Mobbing in zwei asymmetrischen Machtverhältnissen und die erste aufgezeichnete Anwendung der Nürnberger Verteidigung: ‘Ich habe nur Befehle befolgt.'”

Ich frage mich, ob wir als Christen schwer verständliche Texte wie 1. Mose 22 genauso angehen. Ob wir berechtigte Fragen, die wir beim Lesen haben, mit der gleichen Sicht auf Gott und die Bibel verzerren. Ob wir im tiefen Inneren eigentlich keine Antworten suchen, sondern voreingestellt mit Hartherzigkeit und Unverständnis reagieren. Auf den ersten Blick wirkt Dawkins’ Kritik berechtigt, bei sorgfältigem Studium des Textes letztendlich jedoch völlig unberechtigt und grundlegend falsch.

Ich möchte zwei Einwände aufwerfen, warum die Argumentation von Richard Dawkins keinen Sinn ergibt, und dabei die Schönheit dieses Bibeltextes herausstellen.

  1. Die Moralvorstellungen von Kindesmissbrauch, Mobbing und allen damit zusammenhängenden und vergleichbaren Taten haben einzig und allein bei Gott einen Ursprung. Die Bibel, gegen die er vehement argumentiert, bietet die einzige Basis für jegliche Vorstellung von Ethik und Moral sowie Menschenrechte. Zahlreiche säkulare Autoren und Wissenschaftler haben schon seit Urzeiten versucht, eine Basis für Menschenrechte aufzustellen, die unabhängig ist von Religion. Der Philosoph Ronald Osborn hat endlose Bestrebungen evaluiert und ist letztendlich zu dem vernichtenden Schluss gekommen: “Die grundlegenden humanistischen Werte der unantastbaren Menschenwürde, der unveräußerlichen Menschenrechte und der Gleichheit der Menschen” können nicht durch einen wissenschaftlichen Naturalismus aufrechterhalten werden, der letztlich immer in Nihilismus umschlagen wird. Vielmehr müssen sie “von einer Vision des Menschseins getragen werden, wie sie das Christentum in einer historisch beispiellosen Weise bietet”.1 Ähnlich argumentiert der britische Politwissenschaftler Stephen Hopgood: “Die Welt, in der globale Regeln als säkular, universell und nicht verhandelbar galten, beruhte auf der Annahme eines tiefen weltweiten Konsenses über die Menschenrechte – doch dieser Konsens ist illusorisch.”2 Osborn lokalisiert eine Basis für Menschenrechte vielmehr auf den Fakt, dass laut der Bibel Menschen “im Bilde Gottes geschaffen sind” und dass Gott als “ein armer Arbeiter aus einem besiegten Hinterland des Reiches, der von den politischen und religiösen Autoritäten zu Tode gefoltert wurde”, auf die Erde kam.
    Atheisten, auch Richard Dawkins, setzen sich sehr oft für Menschenrechte ein und schreien auf, wenn sie nicht eingehalten werden, keine Frage. Sie weisen darauf hin, dass Gesellschaften und Staaten, in denen ein großer Wert auf Menschenleben und -wohl gelegt wird, zumeist viel stärker wachsen und gedeien. Das ist jedoch eher ein pragmatischer Ansatz und kein moralischer. Wenn es darum geht, eine robuste Grundlage für Menschenrechte aus einer säkularen Perspektive, sind Baumaterialien schwer zu beschaffen.3.
    Der Punkt ist der: ganz abgesehen von Gottes Agenda und der Schönheit, die wir gleich im Text erkennen werden, argumentiert Richard Dawkins auf einem Boden und mit einem Waffenarsenal, dessen er sich gar nicht bedienen darf bzw. dessen einzige Basis er selbst für nichtig erklärt. Das ist erstmal nicht theologisch, sondern wissenschaftlich unredlich und absurd. Er zeigt sich als Advokat für Moral, Ethik und Menschenrechte, deren einzige Grundlage in Gott liegt, den er jedoch vehement für nichtexistent erklärt.
  2. Richard Dawkins liest den Text – abseits schwerer logischer und wissenschaftlicher Fehler – mit hartem Herzen.
    Vielleicht kennst du das. Du weißt, was Gott über sich selbst sagt, aber deine eigenen Erfahrungen mit ihm scheinen dem zu widersprechen. Sie scheinen ihn anzuklagen und einen Punkt dabei zu haben. Das ist okay. Wir kommen alle dorthin. Aber wenn wir beginnen, folgendes zu verstehen, werden wir die Schönheit in diesem Abschnitt erkennen: der Test, den Gott Abraham auferlegt, so schwer er sich anhört, ist nicht dazu da, um eine Wissenslücke bei Gott zu schließen, sondern um eine Lücke in Abrahams Glauben zu schließen. Bis dahin hat er in den Prüfungen Gottes zumeist mit einer krachenden Note 6 abgeschnitten – er hat gelogen, um seine eigene Haut zu retten (1. Mose 12; 20), er hat mit Hagar geschlafen, um sich Nachkommen zu erwecken (1. Mose 16). Am Ende der Prüfung wird er gestärkt und gefestigt daraus hervorgehen. Aber am Anfang ist es noch nicht sichtbar, dass es sich um einen Test handelt und dass niemandem etwas zustoßen wird. Ich möchte argumentieren, dass Gott bereits in seiner Anweisung Emotionen zeigt. Es ist total ungewöhnlich, dass er zuerst nach dem Empfänger der Anweisung fragt, seine Anweisung unterbricht und im Hebräischen das Wort “bitte” verwendet (vgl. 1. Mose 22, 1-2 z.B. mit 1. Mose 12,1 oder 1. Mose 17, 1-2). Das macht er im Kontext des alten Testaments nahezu nie so. Er zeigt Emotionen und Mitgefühl, weil er versteht, wie teuer und kostbar seine Foderung ist. Gott agiert hier keinesewgs unbarmherzig und als einer, der sich daran erfreut, Menschen mit solchen Anweisungen zu quälen.
    Und Abraham besteht die Prüfung und lernt mehr dazu. In Vers 5 macht er eine erstaunliche Bemerkung: “ich aber und der Knabe wollen dorthin gehen und anbeten, und dann wollen wir wieder zu euch kommen.” (1. Mose 22, 5). Hebräer 11, 19 erklärt, woher diese Zuversicht kommt: “Er zählte darauf, dass Gott imstande ist, auch aus den Toten aufzuerwecken, weshalb er ihn auch als ein Gleichnis wieder erhielt.” Abraham hatte Anhaltspunkte dafür, dass Gott Auferweckungen aus den Toten bewirkt. Seine Frau Sarah und er waren biologisch nicht (mehr) in der Lage, Kinder zu bekommen. Der Mutterleib war verschlossen, und trotzdem hatte Gott durch ein Wunder Isaak geschenkt. Im Kontext der Bibel wird das Öffnen des Mutterleibs gleichgestellt mit der Erweckung eines Toten (vgl. z.B. 1. Samuel 2, 5-6; hier macht Hanna die Verknüpfung dieser beiden Wunder klar). Und die Zuversicht Abrahams wird nicht enttäuscht: Gott sorgt für ein Opfertier, das anstelle Isaaks stirbt. Das ist die unfassbar schöne, heilsgeschichtliche Bedeutung von 1. Mose 22: Abraham kannte Auferstehung. Er kannte Tieropfer. Was er noch nicht kannte und was Gott hier als Urbild einsetzt, ist ein stellvertretendes Opfers, das dargebracht wird, damit ein anderer leben kann. Auf dem Berg Moria, auf dem das erste Sühneopfer stattfand, wurde später der Tempel gebaut (2. Chronik 3, 1) und brachte Jesus schließlich das größte stellvertretende Opfer dar und zeriss den Vorhang, der den Zugang zu Gott und ewigem Leben begrenzte. Gott verheißt Abraham in einem Schwur: “in deinem Samen sollen alle Völker der Erde gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorsam warst!” (1. Mose 22, 18). Durch dieses Opfer haben wir Hoffnung, dass wir, die wir hätten sterben müssen, leben dürfen (vgl. die Auslegung dieses Textes in Hebräer 11, 13-20). Diese Verheißung gilt und sie steht unabänderlich fest.

Wenn wir mit Texten wie 1. Mose 22 kämpfen, dann ist das ein gutes Bild für unser Kämpfen mit gegenwärtigen Erfahrungen, die Gottes Zusagen und Erfüllungen zu widersprechen scheinen. Abraham hatte gelernt, auf Gott zu warten und zu vertrauen, auch wenn seine Erfahrungen in der Gegenwart nicht darauf hindeuteten, sondern nach vorne auf die Verheißungen zu schauen und nach hinten auf die vergangenen Wunder Gottes. Durch das Wunder von Golgatha, das hier schon eingesetzt wird, dürfen wir seine Kinder sein. Und auch wenn Gott sich in Zeiten von Prüfung und Verlust wie der weit entfernte Schöpfergott anfühlt, der Leben gibt und nimmt (“Ha-Elohim” in 1. Mose 22, 1), ist und bleibt er der Gott, der sich zu uns aufmacht, einen ewigen Bund mit uns eingeht und zu seinen Verheißungen steht (“Jahwe” in 1. Mose 22, 11).


  1. Ronald Osborn, Humanism and the Death of God (Oxford: Oxford University Press, 2017), 1-5.
  2. Stephen Hopgood, The End Times of Human Rights (Ithaca, NY: Cornell University Press, 2013), X.
  3. Rebecca McLaughlin, Confronting Christianity (Wheaton, IL: Crossway, 2019), 64.

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply

Send this to a friend