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“Herrschaft – Die Enstehung des Westens” von Tom Holland

10. Oktober 2021

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“Herrschaft” ist mit Sicherheit eines meiner Bücher im Jahr 2021. In seinem monumentalen Werk überfliegt Tom Holland auf knapp 600 Seiten nicht weniger als 2500 Jahre Geistesgeschichte, was ihm jedoch auf eine unnachahmliche Art und Weise gelingt, die das Lesen niemals anstrengend werden lässt, sondern vielmehr Vorfreude auf die nächste Seite macht, wie ich es nur von wenigen Büchern kenne.

Es ist nicht das Ziel des Autors, die Ausbreitung eines Weltreiches zu erklären. Vielmehr ist es seine Absicht, “[…] herauszufinden, wie es dazu kam, dass wir im Westen wurden, was wir sind, und so denken, wie wir denken.” (p. 22) Es geht ihm also nicht darum, die Gründe dafür darzulegen, warum – um es mit den Worten von Charles Darwin zu sagen – ein Europäer in jeden Teil der Welt segeln und für Angst und Schrecken bei den dortigen Ureinwohnern sorgen konnte, sondern darum, westliche Wertvorstellungen bis zu ihren christlichen Wurzeln zurückzuverfolgen und in der historischen Aufarbeitung zu skizzieren, wo und auf welche Art und Weise aus der Bibel und ihrer Rezeption erwachsene Weltanschauungen Einfluss in das Denken und Handeln der Menschen gefunden haben, wie daraus Königreiche und Papsttümer entstanden und daran zerbrochen sind und in welchen Hochburgen markante Ereignisse eine progressive Veränderung dieser offenbart haben. Um diesen roten Faden zu entwickeln, beginnt er immer wieder neue Erzählstränge, die sich an manchen Stellen unmittelbar in das Gesamtbild einfügen und an manchen erst ein halbes Jahrtausend später wieder aufgegriffen werden. Dem Absolutheitsanspruch der römisch-katholischen Kirche, der sich schmerzhaft in der unbarmherzigen Inquisition zeigte, der endlos viele Menschen zum Opfer gefallen sind und im Zuge der erste Freidenker wie Galileo Galilei noch mundtot zu machen waren, wird im Zeitalter der Aufklärung und der französischen Revolution, angetrieben durch Voltaire und Marquis de Sade, immer mehr widerstanden, bis im 19. Jahrhundert gänzlich die Existenz eines Schöpfergottes zunehmend auf eine Art und Weise abgelehnt wird, die selbst überzeugte Quäker wie Edward Drinker Cope zur Leugnung seines Glaubens führte. Die Verbreitung von Werten wie Nächstenliebe oder Gewissensfreiheit demonstriert er, indem er die von Volks- und Nationalbezug losgelöste Identität der ersten Christen beobachtet, die Auswirkungen des Zeugnisses der frühen Märtyrer auf die Bevölkerung eruiert und die Geschichten einzelner Schlachten und Personen, Konflikte und Friedensverträge sowie offenbarer Meilensteine und unbekannter Begebenheiten erzählt. Und so zoomt er immer wieder in für ihn wichtige Abschnitte von 2500 Jahren Geistesgeschichte, was in meinem Fall eine nicht unerhebliche Anzahl an Wissenslücken offenbart hat, sich jedoch trotzdem zu einem schlüssigen und lebendigen Gesamtbild zusammengefügt hat, das so einige”Aha-Momente” bereitet hat. Das Fach- und insbesondere Bibelwissen des Agnostikers1 Holland begeistert mich als Leser.

Obwohl der Autor nicht an die Existenz Gottes glaubt, kommt er zu einer spannenden Aussage, die zugleich eine passende, knappe Zusammenfassung der “Herrschaft” ist: “Die Vertrautheit mit der biblischen Erzählung von der Kreuzigung hat unseren Sinn dafür getrübt, wie völlig neuartig Christus als Gottheit war. […] Das [Christentum] ist der Hauptgrund dafür, dass die meisten von uns, die in nachchristlichen Gesellschaften leben, im Großen und Ganzen immer noch davon ausgehen, dass es edler ist zu leiden als Leid zuzufügen. Das ist der Grund, warum wir im Allgemeinen davon ausgehen, dass jedes menschliche Leben gleich viel wert ist. In meiner Moral und Ethik habe ich gelernt zu akzeptieren, dass ich keineswegs griechisch oder römisch bin, sondern durch und durch und mit Stolz Christ.2(eigene Übersetzung)

Meine Bibliothekarin ist zwar der Überzeugung, dass sie nie ein Sachbuch dieser Länge über die Hälfte hinaus bewältigen könnte, aber ich finde, dass Tom Holland mit “Herrschaft” trotz seines sehr hochgesteckten Zieles ein sehr gut lesbares Werk geschaffen hat, das man unbedingt gelesen haben sollte. Der Wert, aktuelle Debatten, neue und alte Phänomene sowie den Zeitgeist als solchen im christlich-historischen Rückblick evaluieren und die Wurzeln unterschiedlicher Denkweisen kritisch einordnen zu können, ist enorm.

  1. Shaha, Alom (20. Dezemeber 2013). “‘Secularism is Christianity’s greatest gift to the world'”New Humanist. Abgerufen am 10.10.2021.
  2. Holland, Tom (14. September 2016). “Tom Holland: Why I was wrong about Christianity”New Statesman. Abgerufen am 10.10.2021.

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