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Der Geiger auf dem Dach

3. Oktober 2021

Der russische Jude Tevye erklärt im Film Der Fiedler auf dem Dach sein Leben mit den folgenden Worten:

Ein Geiger auf dem Dach – hört sich verrückt an, oder? Aber du könntest sagen, dass hier in unserer kleinen Stadt Anatevke jeder ein Geiger auf dem Dach ist, der versucht, einen einfachen Ton zu spielen, ohne sich dabei das Genick zu brechen. Es ist nicht leicht. Du fragst dich vielleicht, warum wir hier oben bleiben, wenn es so gefährlich ist? Nun, Anatevke ist unser Zuhause. Und wie bleiben wir im Gleichgewicht? Das kann ich dir mit einem Wort beantworten: Tradition!

Der Geiger auf dem Dach ist eine sehr treffende Analogie, wenn es darum geht, zu beschreiben, wie Christen in einer Welt und Gesellschaft zu Hause sind, die den Glauben an unseren Gott nicht teilt. Die daraus abgeleitete, grundlegende Prinzipien, Ziele und Werte nicht beachtet, wenn nicht verabscheut oder gar bekämpft. Häufig sind wir, wenn wir an der Wahrheit festhalten, diejenigen, denen es zu trotzen gilt. Wir sind zwar Bürger des Landes, in dem wir leben, aber irgendwie doch Fremde, weil unsere Loyalität einem anderen König gehört. Und daher finden wir uns ständig inmitten eines immerwährenden inneren Konfliktes: in unserer Umwelt spüren wir Tag für Tag den Kampf, unserem Gott treu zu sein, umgeben von einer Kultur, die regelmäßig diejenigen ablehnt, die für die Wahrheit stehen. Und gleichzeitig haben wir so oft das Gefühl, Gott sei ganz weit weg, unsichtbar, und greife nicht ein in unser Geschehen. Seine Verheißungen, uns in der Welt zu bewahren, sind existent, aber wo sehen wir sie im Alltag Frucht tragen? Fortwährend nagt die naheliegende Versuchung an uns, die ein japanisches Sprichwort so treffend formuliert: Auf den Nagel, der nicht hervorsteht, wird weniger wahrscheinlich draufgeschlagen. Untertauchen. Anpassen. Bloß nicht auffallen.

Das Buch Esther behandelt dieses Thema so deutlich wie kaum ein anderes. Voller Ironie und Sarkasmus erzählt es die Geschichte des Volkes Israel, das im Exil in Persien befindlich ein scheinbar bequemes, neues Zuhause gefunden hat. Ist man im System untergegangen? Das Gefühl, dass Gott im fernen Israel geblieben ist, während man in Susa Tag für Tag auf den Fischmarkt geht, Wäsche wäscht und hofft, dass man sich irgendwie nicht von seinem Nachbarn unterscheidet, um bloß nicht der hervorstehende Nagel zu sein, zeigt sich zwischen den Zeilen und doch alarmierend: Gott scheint im Buch Esther keine Rolle zu spielen. Kein einziges Mal wird er direkt erwähnt. Man könnte meinen, sein Volk ist zu Kindern seiner Zeit verblasst – es ist nicht einfach, aber es ist Zuhause.

In Kapitel 1 werden drei Themen angesprochen, die in meinen Augen direkte Relevanz für uns heute haben. Zum einen ist da ein Königreich des Materialismus. Wenn man die ersten Verse liest, so wird man eingenommen von der ostentativen Show des persischen Königs: ein sechs (!) Monate dauerndes Fest, Tücher aus den kostbarsten Stoffen, teure Polster und verschiedenfarbiger Marmor, Wein aus goldenen Gefäßen, reiche, wichtige und bis zur Nase betrunkene Männer. Doch wer genau liest, stellt fest: letztendlich ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Becher mögen die Feuerprobe bestehen, nicht jedoch diejenigen, die daraus trinken. Der mächtigste Mann der damaligen Welt wirkt ohne seine Berater völlig hilflos, die gemeinsam getroffene Entscheidung als Reaktion auf die ungehorsame Königin, die nicht bereit ist, sich wie ein Aktmodel vor einer Horde betrunkener Männer zu präsentieren, wirkt eher wie ein Hammerschlag als ein weise durchdachtes Gesetz. Was wie die Karikatur einer grotesk-lachhaften Gesellschaft aussieht, ist doch heute nicht anders: wie häufig ist unsere Kultur ein aufgeblähtes Hologramm, dem es an wahrer Substanz fehlt. Der verschwenderische Lebensstil von Ahasveros erscheint auf einmal gar nicht mehr so absurd, wenn wir betrachten, mit welchen Unsummen Unterhaltungskünstler und Sportler unserer Zeit aufgewogen werden, wie viel Geld für Olympiaden, Weltmeisterschaften und Staatsbesuche ausgegeben wird, nur um sich von einer Seite zu präsentieren, der man im Alltag ehrlicherweise gar nicht gerecht wird. Vielleicht hilft es uns, wenn wir hierüber einfach einmal schmunzeln können und uns neu vor Augen führen, dass Gott auf das Herz sieht und nicht auf das Äußere.

Zweitens, Gott wirkt oft im Verborgenen. Im ersten Kapitel und auch im Rest des Buches scheint er überhaupt nicht sichtbar zu sein. Es sieht so aus, als würde alles seinen normalen Gang gehen: Reiche Männer treffen sich, um exzessiv zu feiern, Könige und Königinnen werden abgesetzt, Probleme treten auf und werden offensichtlich gelöst. Alles scheint zwar irgendwie zu passieren, sich letztendlich aber doch in einem aus der Vogelperspektive bedeutungslosen Nebel aus immer gleichen Kreisläufen zu verlaufen. Aber wer die Geschichte weiterliest, stellt fest, dass nichts davon zufällig war. Ahasveros wollte nicht zufällig seine Frau vorführen, die Königin Vashti wollte sich nicht zufällig den Blicken der feiernden Horde entziehen, die ratlosen Ratgeber schlugen nicht zufällig vor, eine neue Gemahlin für den mächtigsten Mann der Welt suchen zu lassen. Gottes Wege sind häufig kein tosender Paukenschlag, sondern ein säuselnder Wind. Scheinbar verwoben in für uns bedeutungslosen, unüberlegten Handlungen egoistischer Menschen orchestriert er seine Geschichte, fädelt seine souveränen Pläne für die Welt ein, lenkt, was für uns erst im Rückblick Bedeutung bekommt. Und die Zeiten haben sich nicht geändert. Eine Bundestagswahl mag nicht den gleichen spektakulären Effekt bei der Neubesetzung der Regierung haben wie die Geschichte um Vashti und Esther, wirkt sich aber sicherlich ähnlich polarisierend auf unsere Gesellschaft aus: die einen diskutieren hemmungslos über Links- oder Rechtsrutsche und werfen verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammen, wenn die Farbkombination der Sondierungsgespräche nicht dem gewünschten Schema entspricht, die anderen scheint der Wahlabend und die weit entfernten Politiker da oben nicht sonderlich zu interessieren. Die kommen und gehen und letztendlich ist es eh egal, es ändert sich sowieso nichts, denkt man sich. Aber Geschichten wie die um Esther zeigen uns, dass nichts passiert, was Gott nicht genauso geplant hat, keine Regierung ist nicht von Gott legitimiert (Römer 13), kein Haar fällt von einem Kopf, ohne dass Gott es weiß und zulässt. Auch wenn wir nicht alles verstehen, uns herzlich darüber aufregen oder es uns einfach egal ist, Gott ist Herr und König nicht nur über Persien und Deutschland, Ahasveros und Merkel, sondern über die ganze Welt und das Leben von dir und mir. Durch alle Mechanismen und scheinbaren Zufälle hindurch schreibt er seine Geschichte. Auch wenn die einzelne Szene keinen Sinn ergibt, werden wir erkennen, was Gott auf dieser und jener Seite unseres Lebens geschrieben und was er durch sein Handeln im Verborgenen weise und souverän getan hat.

Eine weitere Analogie wird in diesen Versen sichtbar. Gott ist der bessere Ahasveros. Während dieser ein sechsmonatiges Fest feiert, bei dem per königlichem Dekret zum freien Trinken aufgefordert wird und auf das nach einem anstrengenden halben Jahr niemand mehr wirklich Lust hat, Nachhausegehen aber erst erlaubt werden muss, wird der Herr der Welt am Ende der Zeit gemeinsam mit uns, mit seinem erlösten Kindern ein Festmahl feiern, dessen Freuden niemals ein Ende finden. Während der persische König sich bedienen und feiern lässt, kommt der König der Welt, um den anderen zu dienen und sich verspotten, auspeitschen, bespucken und kreuzigen zu lassen. Während Ahasveros seine Frau rufen lässt, um gemeinsam mit seinen betrunkenen Freunden ihre Blöße zu begaffen und sie auszunutzen, ruft der Vater seine Braut zu sich, um ihr ein weißes, strahlendes Gewand anzulegen, seiner Braut, die er mit seinem Blut losgekauft, für die er seinen Sohn dahingegeben hat. Ändert das nicht unsere Perspektive als Fremdlinge in dieser Welt komplett? Werden wir nicht die Dinge, die um uns herum passieren, als Bürger des Himmelreichs sehen und die Schwierigkeiten, Bedeutungslosigkeiten, die leeren Worte und vollen Münder unserer Gesellschaft mit der Brille von Gottes Souveränität und dem Fokus auf die Ewigkeit bewerten? Es ist nicht (immer) leicht, um es mit den Worten Teyves zu sagen. Hier und jetzt ist hier unser Zuhause. Aber mit dem Herzen ist unser Zuhause beim Vater. Wir müssen uns nicht wie Vashti vor ihm zurückziehen, sondern dürfen mit Freude und geheiligt zu ihm treten, ihn anbeten und ein ewiges Fest mit ihm in seiner Herrlichkeit feiern.

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