Allgemein

Der Erzählstil deines Lebens

16. February 2022

Die beiden Kapitel Richter 4 und 5 erzählen im Prinzip zweimal hintereinander die gleiche Geschichte: das Volk Israel, das sich mitten in seiner Abwärtsspirale von Ungehorsam und Götzendienst wieder einmal von Gott entfernt hat, wird in die Hände eines fremden Königs gegeben (Jabin, ein Kanaaniter, der gar nicht mehr existieren würde, hätten die Israeliten die Anweisungen Gottes in Richter 1 befolgt!), schreit nach 20 langen und harten Jahren der Unterdrückung in Buße zum Herrn und erhält in lauter Gnade einen Retter – besser gesagt eine Retterin: die Prophetin Deborah. Gemeinsam mit Barak, der mit 10 000 Kämpfern in den Krieg gegen Jabin und seinen Heerführer Sisera zieht (übrigens eine wundervolle Argumentation für den biblischen Komplementarismus), kann sie das Volk von der feindlichen Macht befreien. Der zu Fuß geflohene Sisera wird letztlich im Schlaf von Jael, einer im Niemandsland zeltenden, nicht sehr anmutig anmutenden Frau (“die Bergziege”) unter Verwendung eines Zeltpflocks durch die Schläfe (!) im Boden verankert. Die Geschichte verliert ein wenig an Schaudern, wenn man bedenkt, was für ein Mann Sisera gewesen sein muss: Richter 5, 30 entlarvt ihn als einen, der die israelitischen Mädchen wie erbeutetes Gold an seine Männer verteilte: “ein, zwei Mädchen für jeden Mann“. Der, der Frauen wie Objekte behandelt hatte, fällt am Ende selbst dem Objekt einer Frau, einem Zeltpflock, zum Opfer. Der, der das Leben junger Mädchen zum Alptraum gemacht hatte, wird im Traum von einer Frau getötet.

Warum erzähle ich diese grausame Geschichte nach? Ich finde es so wertvoll, zu vergleichen, auf welche Art und Weise die Geschichte um Deborah, Barak, Jael und Sisera in den beiden Kapiteln 4 und 5 im Vergleich erzählt wird. Während Richter 4 eher einem nüchternen Tatsachenbericht ähnelt, in dem Gott nur insgesamt viermal genannt wird, ist Richter 5 in einer poetischen Form, einem Siegeslied verfasst, in dem Gott omnipräsent ist. Während Richter 4 kaum hinter die Kulissen der Geschichte blickt und wohl auch ohne die Nennung des Namens des Herrn ganz gut funktionieren und Sinn ergeben würde, ist Richter 5 eine in sich wunderschöne Landkarte, die die verborgenen Taten Gottes aufdeckt und die Ereignisse im Kapitel 4 vom Schatten der Unklarheit eindrucksvoll ans Licht führen.

Richter 4, 15 konstatiert nur sehr knapp: “Und der HERR erschreckte Sisera samt allen seinen Wagen und dem ganzen Heer vor Barak“. Details werden weggelassen und der Leser fragt sich, warum der Heerführer seine überlegene Position im Streitwagen aufgibt und zu Fuß flieht (Richter 4, 17). In Kapitel 5 entfaltet sich jedoch etwas unglaublich Spannendes. Richter 5, 21 schreibt: “Der Bach Kischon riss sie hinweg, der uralte Bach, der Bach Kischon.” George Schwab schreibt in seinem Kommentar, dass man davon ausgeht, dass der Kampf höchstwahrscheinlich zu einer Jahreszeit stattgefunden hat, in der es keinen Regen in Kanaan gab – was durchaus Sinn macht, wenn man bedenkt, dass ein erfolgreicher Taktiker wie Sisera niemals seine eisernen Wagen neben einem Fluss aufgestellt hätte, der in jedem Moment über die Ufer treten könnte und in der Folge den Boden in ein Schlammmeer verwandeln und die Räder festsetzen würde. Aber woher sollte das ganze Wasser kommen, das nötig wäre, um ein nahezu trockengelegtes Flussbett so zu überfluten, dass es ein riesiges Heer “hinwegreißen” könnte? Nun wird es spannend: “HERR, als du auszogst von Seïr, als du einhergingst vom Gefilde Edoms, da erzitterte die Erde, auch der Himmel troff, auch die Wolken troffen von Wasser. Die Berge erbebten vor dem HERRN – das ist der Sinai –, vor dem HERRN, dem Gott Israels.” (Richter 5, 4-5) Seïr und Edom liegen jeweils hunderte Kilometer südlich vom Bach Kischon bzw. den Orten Taanach und Megiddo, die Richter 5, 19 angibt, sind aber Gebirge, an denen zu jeder Jahreszeit wasserreiche Wolken hängen bleiben. Die räumliche und zeitliche Ausdehnung vom Kampf in Richter 4 wird plötzlich sehr viel größer. Nun wird auf einmal klar, dass Gott schon lange bevor Barak auf Sisera traf, alles für den Showdown vorbereitet hatte: das Wasser, das er im Kischontal benötigte, um den kanaanitischen Heerführer in die Flucht zu schlagen, hatte er lange vorher dorthin gebracht – noch als keiner ahnen konnte, dass es zum Kampf kommen würde. “Vom Himmel her kämpften die Sterne, von ihren Bahnen stritten sie wider Sisera.” (Richter 5, 20) Es gibt einen außerbiblischen Bericht aus dem Jahr 1131 v. Chr., in dem von einer Sonnenfinsternis bei Megiddo erzählt wird. Es ist nicht zweifelsfrei mit dem Ereignis in Richter 5 zu verbinden, jedoch trotzdem ein faszinierender Einblick in das Schreiben des Verfassers, vor allem wenn man bedenkt, dass die Leute aus der Region das Himmelsphänomen sicher mit eigenen Augen gesehen und sich sofort vorstellen konnten, mit welcher Macht Gott handeln kann. Und die scheinbar völlig zusammenhangslose und auf den ersten Blick irrelevante Information in Richter 4, 11, dass ein Keniter ins Niemandsland umgezogen ist, ist im Rückblick der Nackenschlag für Jabin, den Gott lange zuvor eingefädelt hatte: es ist genau sein Zelt, in das Sisera auf seiner Flucht stolpert und in dem er von Jael mit dem Pflock begrüßt und zugleich verabschiedet wird.

Ich habe mir beim Lesen die Frage gestellt, auf welche Art und Weise ich meine Lebensgeschichte betrachte und erzähle. Ist es vielleicht “nur” eine Art Verkettung von Ereignissen, die sich tagtäglich aneinanderreihen und letztlich eher wie eine mehr oder weniger bedeutsame historische Erzählung wirken? In der Gott ungefähr viermal vorkommt und ich mir seiner Rolle in meinem Leben schon irgendwie bewusst bin, aber mein Blick dafür oberflächlich bleibt? Oder mache ich den Sprung zu Richter 5 und beginne, die Muster des verborgenen Handelns meines Gottes zu erkennen und mir stetig mehr bewusst zu machen, dass ich vieles nicht erklären kann, mir aber sicher sein darf, dass er gerade “Wolken” von A nach B bringt, obwohl ich nicht verstehe, was gerade passiert? Was würde es mit mir machen, wenn ich aufhöre, ohne Pause meine eigene Person und mein Tun in einem winzigen Radius um mich herum zu betrachten, und anfange, darum zu ringen, danach zu hungern und zu dürsten, hineinzuwachsen in ein Denken, das weiß, dass Gott gerade, wo, wie und warum auch immer, Sterne bewegt, Wassermassen transportiert und zeitlich und räumlich viel größer arbeitet als ich mir gerade vorstellen kann?

Ich finde es stark, was es mit Deborah und Barak gemacht hat: im Prozess hat es sie dazu erstens gebracht, Gott bedingungslos zu vertrauen, auch wenn die Zeichen auf Niederlage gegen einen übermächtigen Feind standen. Sie waren sich sicher: “der HERR wird Sisera in die Hand einer Frau ausliefern.” (Richter 4, 9) Sie fackelten nicht länger, auch wenn sie noch nicht wissen konnten, woran Gott in diesem Moment arbeitete. “So machte sich Debora auf und ging mit Barak nach Kedesch.” Und zweitens hat es sie zur Anbetung und dem Verlangen nach Gottes Ehre getrieben – und das nicht erst, als die Geheimnisse um Gottes Eingreifen aufgedeckt werden, sondern bereits vor dem Kampf. Deborah wusste: “der Ruhm wird nicht dir zufallen auf dem Weg, den du gehst, sondern der HERR wird…“. (Richter 4, 9) Und danach konnten beide noch viel tiefer aus vollem Herzen rufen: “Ich will singen dem HERRN, ich will singen, will spielen dem HERRN, dem Gott Israels.” (Richter 5, 3)

Vielleicht dachte Paulus daran, als er 1. Korinther 13, 12 aufschrieb: “Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.” Eine Denk- und Erzählweise unseres Leben, die Gottes Handeln in allem sucht, auch wenn es verborgen scheint, wird uns in Zuversicht, Vertrauen und Anbetung wachsen lassen. Und dann, wenn unser Vater im Himmel sein “Richter 5” aufschlägt und vorliest, werden wir mit Staunen verstehen, welche Wolken, Berge und Sterne er bewegt hat, wo wir auf Erden nur Regen, Nebel und Schatten sehen konnten.

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply

Send this to a friend