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Ein ungewöhnliches Wort

10. September 2021

Im Markusevangelium wird uns eine bemerkenswerte Geschichte erzählt:

Und er verließ das Gebiet von Tyrus und Zidon wieder und begab sich zum See von Galiläa, mitten durch das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten einen Tauben zu ihm, der kaum reden konnte, und baten ihn, ihm die Hand aufzulegen. Und er nahm ihn beiseite, weg von der Volksmenge, legte seine Finger in seine Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel. Dann blickte er zum Himmel auf, seufzte und sprach zu ihm: Ephata!, das heißt: Tu dich auf! Und sogleich wurden seine Ohren aufgetan und das Band seiner Zunge gelöst, und er redete richtig. Und er gebot ihnen, sie sollten es niemand sagen; aber je mehr er es ihnen gebot, desto mehr machten sie es bekannt. Und sie erstaunten über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohlgemacht! Die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden! Markus 7, 31-37


Vielleicht ist es dir schon einmal beim Bibellesen aufgefallen: immer wieder benutzt Jesus Begriffe, die im deutschen Text im Original wiedergegeben werden. Bekannte Beispiele sind “Talita kumi” (Markus 5, 41) oder “Eli Eli, lama sabachthani” (Matthäus 27, 46). Es passiert eine ganze Menge in dieser wunderbaren Geschichte, aber ich möchte kurz zwei Dinge zeigen, die uns besser verstehen lassen, warum Jesus in diesem Text das (auch damals) ungewöhnliche Wort “Ephata” benutzt.

Erstens, Jesus nimmt ihn beiseite. Im Laufe der Zeit sind viele Theorien entstanden, die versucht haben zu erklären, warum Jesus dies tut. Einige behaupten, der Grund liege darin, dass Jesus nicht noch mehr Menschen anziehen wollte, die ihn einzig und allein aufgrund seiner Wundertaten sehen wollten. Wieder andere sehen darin, dass Jesus keine “Show machen” wollte. Ich denke, das sind Prinzipien, die Jesus bei allen Heilungen und Wundern begleiteten und nicht speziell eine Besonderheit dieser Begebenheit sind. Aus dem Grund, dass bei aufmerksamem Lesen der Evangelien deutlich wird, dass Jesus häufig individuelle Punkte klarmachen und auf die beteiligten Personen eingehen wollte, finde ich die Erklärung am besten, dass Jesus hier dafür sorgen wollte, dass der taubstumme Mann ganz besonders offen für tiefe und dauernde Eindrücke war. Warum das wichtig ist, wird gleich klar.

Zweitens, Jesus seufzte. Auch zum Zustand des Mannes gibt es unterschiedliche Meinungen. Manche sagen, er war von Geburt an gehandicapt, ohne dass seine Krankheit eine Folge von Sünde war (wie beim Mann aus Johannes 9), andere behaupten das Gegenteil. Ich habe mich gefragt, warum Jesus seufzt, obwohl er weiß, dass der Mann in wenigen Sekunden gesund sein wird. Wäre nicht ein mildes, wissendes Lächeln angebrachter? Die Evangelien legen großen Wert darauf, uns Lesern eindrücklich zu zeigen, dass Jesus ein sehr emotionaler und mitfühlender Mensch war. Dass er weinte. Dass er Wehklagen vorbrachte. Dass er seufzte. Er verspürte tiefe Emotionen und Sympathien mit schwachen Menschen, die mit Leid zu kämpfen hatten. Jegliche Form von Krankheit und Sünde, ganz besonders bei seinen persönlichen Gegenübern, aber auch bei gesamten Städten wie Tyrus, Zidon oder Jerusalem, riefen Trauer und Kummer in ihm hervor. Sicher ganz besonders, wenn er an den Ort dachte (er blickte zum Himmel), an dem es beides nicht gibt, und den er verlassen hat, um für Menschen die Möglichkeit zu erwirken, an ihn zu gelangen. Denn er ist derjenige, in dem die alte Jesaja-Prophezeiung erfüllt wird: “… die Erlösten des HERRN werden zurückkehren und nach Zion kommen mit Jauchzen. Ewige Freude wird über ihrem Haupt sein; Wonne und Freude werden sie erlangen, aber Kummer und Seufzen werden entfliehen!” (Jesaja 35, 10).

Warum ist das Wort “Ephata” nun so besonders? Nun, zum einen ist dieses aramäische Wort nicht nur für uns ungewöhnlich, sondern auch für die Leser des Markusevangeliums, denn das war gar nicht ihre Sprache. Und zum anderen verwendet Jesus in anderen Heilungsgeschichten ganz andere Wörter. Versuch mal, “Ephata” langsam und laut auszusprechen. Du wirst merken, dass es ein sehr klangvolles Wort ist, dass trotz seiner Kürze verschiedene Zungen- und Lippenbewegungen erfordert. Geoffrey Grogan schreibt in seinem Kommentar zum Markusevangelium, dass sich “Ephata” als Ausdruck sehr gut für das Lippenlesen und damit die Kommunikation mit Taubstummen eignete. Hätte Jesus etwas anderes gesagt, wäre der Mann genauso geheilt worden, aber er hätte nicht bereits vor dem Lösen seiner Zunge und seiner Ohren “gelesen”, was sein Gegenüber zu ihm sagte. Weil er abseits der Menge ganz allein mit dem Herrn und ohne Ablenkung offen war für die individuelle, persönliche und akzentuierte Erfahrung, konnte er dauerhaft spüren, wie Jesus ihm bereits vor der Heilung seine Gnade zusprach. Er würde niemals vergessen, wer voller Güte zu ihm sagte: “Öffne dich”.

Ich nehme für mich mit, dass es sich lohnt, wenn wir auf Menschen, denen wir dienen, ganz konkret eingehen. Wenn wir sie zur Seite nehmen, mit ihnen reden, herausfinden, was bei ihnen los ist. Wenn wir “ihre Sprache sprechen”, können wir viel besser für ein bleibendes Erfahren von Gnade und Liebe sorgen, das auf unseren großartigen Herrn Jesus zeigt, der uns vorgelebt hat, wie Dienst ohne maschinelles Handeln funktionieren kann, sondern liebevoll, individuell und persönlich.

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5 Comments

  • Reply Sergej Pauli 11. September 2021 at 18:47

    hey ein richtig guter HInweis, das mit dem Ephata! thx! das werde ich heute unseren Kids erzählen.

    • Reply Daniel 11. September 2021 at 19:42

      Die Bibel ist faszinierend und wird bei genauerem Hinsehen nur noch begeisternder, oder? 🙂

  • Reply Ein ungewöhnliches Wort | Bibelkreis München 11. September 2021 at 23:05

    […] Im Markusevangelium wird uns eine bemerkenswerte Geschichte erzählt:Und er verließ das Gebiet von Tyrus und Zidon wieder und begab sich zum See von Galiläa, mitten durch das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten einen Tauben zu ihm, der kaum reden konnte, und baten ihn, ihm die Hand aufzulegen. Und er nahm ihn beiseite, weg von der Volksmenge, legte seine Finger in seine Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel. Dann blickte er zum Himmel auf, seufzte und sprach zu ihm: Ephata!, das heißt: Tu dich auf! …

  • Reply Peter Burghardt 13. September 2021 at 20:06

    Vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag.
    Ich habe mir erlaupt diesen Text auf meiner Hompage zu veröffentlichen ich hoffe das dies ok ist.

    • Reply Daniel 13. September 2021 at 22:12

      Hallo Peter, vielen Dank! Gerne, das ist in Ordnung.

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